Lina und die Papageien

Die Lina war eine Grosstante von mir und wohnte in einem schmucken kleinen Haus leicht oberhalb vom Thunersee. Sie war etwas schrullig und hatte Mühe, jemanden, vor allem Fremde, in ihr Refugium zu lassen. Leute, die an ihrem Haus vorbei spazierten, hörten sie immer mit jemandem sprechen, stundenlang und meistens unverständliches Geschwätz. Dann glaubte man, auch Antworten zu vernehmen, aber nicht eigentlich verständlich, sondern mehr krächzend. So war sie abgestempelt und in aller Leute Mund als verrückt klassifiziert.

Nun, wir Verwandten waren natürlich bestens im Bild, dass sie den ganzen Tag mit zwei weissen Papageien sprach, der ihr längst verstorbener Mann vor Jahren aus Südamerika heimbrachte. Dabei muss man wissen, dass diese Art Federvieh ziemlich alt werden, zum Glück von Lina, die mit niemand anderem auch nur die geringste Verbindung pflegte oder suchte.

Aber wenn da nur nicht der papageiengierige Kater vom Nachbar Hauzenberger wäre, der nimmermüde auf einem äusseren Fensterbrett sass, von wo aus er die ersehnten Opfer seiner Fressbegierde sehen konnte. Die arme Papageienhalterin konnte deshalb nie die Wohnung lüften, was man bei einem unverhofften Besuch auch riechen konnte. Die putzigen Krummschnäbler mussten denn auch nicht in einem Käfig ihr Dasein verbringen, sondern konnten in der ganzen Wohnung herumflattern.

Dann kam der Tag, an dem Tante Lina vor Schreck fast den Geist aufgab. Von Westen her zog ein gewaltiger Sturm auf und liess das Wasser im Thunersee weiss aufschäumen. Die Bäume legten sich fast flach und verloren viele Äste durch die Wucht der wildgewordenen Natur. Und genau so ein abgerissenes Holz schlug das Fenster ein, das zur Stube gehörte, wo sich die Papageien aufhielten. Einer ist sofort davongeflogen, aber der andere blieb verängstigt auf dem Stubentisch stehen, was der oberschlaue Hauzenberger-Maudi sofort bemerkte und mit einem eleganten Sprung vom Fenstersims aus auf dem betreffenden Tisch landete. Noch ehe sich der nicht gerade scheue Vogel gewahrte, was da vor sich ging, wurde er am Hals gepackt und verliess so in den Fängen des Katers das eingeschlagene Fenster. Dieser war so gefitzt, dass er nicht wie mit Mäusen und andern Kleinvögeln nach Hause spurtete, sondern sich mit der Beute in einem Durcheinander von Sträuchern verkroch. Sein ausgeprägter Instinkt liess ihn wohl ahnen, dass er wegen diesem aussergewöhnlichen Fang von Frau Hauzenberger beschimpft worden wäre. Ein Nachbarbub hat kurz darauf die ausgerissenen Federn gefunden und unüberlegt der Lina gebracht.. Diese brach dann laut schreiend komplett zusammen und musste ins Spital gebracht werden.

Aber da war ja noch der andere, der sich davon gemacht hatte. Aufmerksame Leute haben ihn eines Tages in der Kohlerenschlucht entdeckt und sofort den Wildhüter orientiert. Der Aufwand, der in der Folge entstand, ist kaum zu beschreiben. Feuerwehr, Zivilschutz, das halbe Dorf mit vielen Neugierigen pilgerten zur Schlucht, um den Flüchtigen irgendwie einzufangen. Aber dieser konnte ziemlich gut fliegen und verhinderte so jedes Erhaschen, und das über Tage.

Aber da war noch ein anderer gefiederter Kerl hoch in der Luft, der dort seine Kreise zog. Ein Habicht, der mit seinem unerhört ausgeprägten Blick den auffallend weissen Papagei natürlich schon längst entdeckt hatte. Er setzte zum Sturzflug an und nach kurzer Zeit waren auf dem Waldboden eine Handvoll weisse Federn auszumachen.


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