Luggi hasst Steinböcke

Viele der geneigten Kolumnenleser wissen vielleicht nicht, wo die Glecksteinhütte liegt. Aber vielleicht taget es, wenn ich in diesem Zusammenhang das Wetterhorn nenne, den Hausberg von Grindelwald. Die dortige Hütte gehört dem SAC Burgdorf, und als "alter Burgdorfer" habe ich in jungen Jahren den Aufstieg mehr als einmal gemacht.

Zu dieser Zeit und sehrwahrscheinlich noch heute war es so, dass die Steinböcke sich bis auf die Terrasse wagten und von den anwesenden Touristen ein Frühstückbrötchen erwarteten. Das habe ich selber erlebt und auch Bekanntschaft mit der Hüttenkatze gemacht, ich glaube man nannte sie Luggi. Der damalige Hüttenwart Hanspeter von Allmen und seine Frau Anna haben mir erzählt, dass die Katze diese gehörnte Konkurrenz gar nicht mochte und jedes Mal buckelig fauchte, wenn die für sie ungebetenen Gäste auftauchten.

Die dazugehörende Geschichte habe ich zwar nicht selber erlebt, aber sie wurde mir erzählt und entlockte mir ein schelmisches Lachen, denn sie war wirklich urkomisch.

Der Frühherbst war am Wetterhorn eingezogen und das herrliche Wetter lockte viele Berggänger in luftige Höhen. So war dann auch die Hütte vollbesetzt und bei Sonnenaufgang sassen Frühaufsteher frohgelaunt beim Morgenessen auf der grossen Terrasse. Eine auf Brotresten hoffende Steingeiss hat das auch bemerkt und sie näherte sich, noch leicht zögernd, der Terrasse. Dabei hatte sie ein etwa dreimonatiges Kitz, das unbekümmert neben ihr her trottete.

Luggi, die auf der steinigen Umrandung des Essplatzes sass, sah natürlich auch, was ihr gar nicht passte. Noch achtete niemand darauf, wie sich ihre Haare etwas sträubten und sie sich anschickte, auf der Mauer geduckt näher an die Störefrieden zu kommen. Beim Anblick des Kitzes erwachte in ihr ein bereits aufgestauter Kampftrieb, mit der gleichzeitigen Feststellung, dass der Jüngling ja kaum grösser war als sie selber. Und so krumme spitzige Hörner hatte er auch nicht, höchstens kleine Ansätze derselben. Also, überlegte sie, das wär doch eine Gelegenheit, dem ungebetenen Gesindel eine Lehre zu verpassen, natürlich nur dem Nachkömmling, der sich glücklicherweise jetzt einige Meter von seiner Mutter entfernt hatte. Aber Luggis Mut war stärker als die Distanz der beiden, und hopps, war sie in zwei, drei Sätzen beim Überraschten und biss sich in seinem noch zarten Fell fest.

Das laute, erschreckte Blöcken des Angegriffenen erweckte sofort den Schutzinstinkt seiner Erzeugerin, die wie der Blitz vor Ort erschien, den Kopf senkte und so Luggi voll mit den spitzen Hörner unter dem Bauch erwischte und durch die Luft schleuderte. Der Stoss muss ziemliche heftig gewesen sein, denn die Getroffene segelte bis zur Gruppe der Morgenessenden und flog tatsächlich in den prall gefüllten Behälter mit Birchermüesli. Hei wie das spritzte. Die anwesenden Damen fingen an zu schreien und die eher behäblichen Bergsteiger staunten entgeistert auf die Katze, die sich gerade anschickte, etwas lädiert die Schüssel zu verlassen, und dann wie der Blitz hinter einer Mauer verschwand.

Zuerst war stilles Schweigen, aber nachdem den Anwesenden klar wurde, was da gerade passiert ist, erschallte ein Gelächter, das bis fast nach Grindelwald hinunter zu hören war.

Hanspeter in der Hüttenküche hörte den Heiterkeitsausbruch natürlich auch und erkundigte sich verwundert nach dem wenn und aber. Weil einer der Gäste seinen Blickwinkel gerade auf den Ort des Geschehens gerichtet hatte, konnte er den Zwischenfall Steinkitz-Katze genau berichten. "Geschieht ihr recht", brummte der Hüttenchef nur und verschwand hinter dem Herd.

Die Steingeiss mit ihrem Nachkömmling hatte sich inzwischen längst aus dem Staub gemacht.


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