Über den Tod hinaus

Wegen meinen diversen Publikationen über Tiere bin ich oft mit Leuten ins Gespräch gekommen, die sich für meine Anliegen und Äusserungen dermassen interessierten, dass sie mir viel von ihren Beobachtungen erzählten, die ich nachvollziehen konnte.

So war es auch an einem eher trüben Herbsttag. Müde und etwas enttäuscht, weil die Beobachtung von Wild im Vorgebirge mehr oder weniger fehlgeschlagen hatte, bin ich in einem alten Landgasthof eines kleinen Dorfes im Berner Oberland gelandet. An einem mit "Stammtisch" angeschriebenen Tisch sass ganz allein ein etwa fünfzigjähriger netter Mann mit einem Kranzbart. Weil sonst niemand in der Gaststube auszumachen war, fragte ich höflich, ob ich mich zu ihm setzen dürfe, was er mit einer einladenden Bewegung bejahte. Nachdem er sich selber als Dorfpfarrer vorgestellt hatte, fragte er mich nach dem Woher und Wohin, und hörte interessiert zu, als er von meinen Tierbeobachtungen erfuhr. Da hätte er für mich eine wirklich tragische Begebenheit zu berichten, und bevor ich überhaupt Stellung nehmen konnte fing er an zu erzählen ......

Oberhalb des Dorfes stehe ein altes Bauernhaus, das nicht mehr bewirtschaftet wurde, weil der einzige Besitzer und Bewohner altershalber und von schwerer Arbeit gezeichneter alter Mann, der Josef, nicht mehr arbeiten konnte. Die einzigen Mitbewohner und ständigen Begleiter waren - wohin es immer auch ging - der etwa zwölfjährige Hundemischling "Luuser" und eine schwarzweisse Kätzin, die "Züsi" gerufen wurde. Diese trottete sogar hinterher, wenn Sepp mit dem Hund und schweren Schrittes am Stock dem Dorf zustrebte, um im einzigen Lädeli das Nötigste einzukaufen. Damit das Dreiergespann überhaupt noch einigermassen über die Runde kam, schaute die benachbarte Bäuerin gelegentlich in deren guten Stube vorbei, gab Ratschläge und half, wo immer es auch ging.

Eines frühen Morgens, als man sich im benachbarten Hof daran machte, in den Stall zum Melken auszurücken, hörte der Bauer von nebenan ein langgezogenes Heulen von Luuser, schüttelte etwas verunsichert den Kopf und ging der gewohnten Arbeit nach, die etwa eine Stunde dauerte. Als er die Viehunterkunft wieder verliess, war das Hundejammern wieder gut hörbar. Von böser Ahnung gepackt, machte sich der Landwirt auf, um beim Nachbarn zu sehen, ob auch alles in Ordnung sei.. Doch bald einmal musste er sehen, dass da gar nichts mehr in Ordnung war. Im Gemach, wo die Hundelaute herkamen, lag Josef ausgestreckt auf dem Kanapee, ganz offensichtlich von seiner Seele verlassen. Auf der oberen Lehne lag Züsi und hatte offensichtlich nicht begriffen was los war. Der Luuser hingegen spürte das Kälterwerden in seines Meisters Körper, was ihn zu den Trauerlauten veranlasste. Der fündige Bauer spurtete sofort zurück ans Telefon und läutete im Nachbardorf den Dorfarzt aus den Federn, der etwa nach einer Stunde eintraf, aber nichts mehr anderes tun konnte als den Totenschein auszufüllen.

Der Herr Pfarrer, dem ich am Stammtisch interessiert zugehört hatte, übersprang dann bei seiner Erzählung eine gewisse Zeitspanne und meinte, er sehe von seinem Studierzimmer aus auf den bunten Friedhof. Eines Morgens, die Sonne hatte sich gerade über den Horizont getastet, entdeckte er auf dem frisch ausgehobenen Grab des Verstorbenen eine Bewegung und musste erstaunt feststellen, dass im einzigen Kranz und den wenigen Blumen der Luuser lag, sein Haupt traurig zwischen die Vorderpfoten gelegt. Und, oh Wunder, daneben sass auch Züsi. Die beiden mussten wohl über die ganze Nacht da gelegen haben und dem Erzählenden kam in den Sinn, ganz sicher den Hund bei der Beerdigung auf dem Friedhof gesehen zu haben. Darum wusste dieser wohl, dass da irgendwie sein verblichener Meister vergraben lag. Zusammen mit dem rasch herbeigerufenen Nachbarbauer, der inzwischen zu den Verwaisten schaute, versuchten sie gemeinsam, die beiden verwirrten Geschöpfe wegzurufen. Das Büsi kam den beiden sogar entgegen, aber der Luuser machte keinen Wank und fing sogar an zu knurren, als man ihn am Halsband zog. Also beschloss man, die beiden gewähren zu lassen, der Hunger würde sie schon irgendwann den Heimweg suchen lassen.

Seit der Beerdigung seien nun drei Wochen verstrichen, aber es verginge praktisch kein Tag, an dem die beiden Vierbeiner nicht an Sepp's Grab auftauchten. Ich solle doch beim Weitergehen schnell dort vorbeischauen. Und tatsächlich, ich habe die beiden wirklich dort kennen gelernt.


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