Die Strahlerin vom Gasterntal

Wegen seiner wilden Schönheit war ich früher oft im Gasterntal hoch über Kandersteg, nicht zuletzt, um mich mit dem dortigen Alpenwild bekannt zu machen. Kein einziges Mal habe ich die weltberühmte Käseschnitte im "Heimritz-Beizli", ganz hinten im Tal, wo es hinauf geht zum Kanderfirn oder auf das Balmhorn und andere Dreitausender, ausgelassen. Neben Trophäen aus der dortigen Jagd sind mir auch einige Bergkristalle aufgefallen, die auf den Fenstersimsen ausgestellt waren. Eines Tages fragte ich das mir bekannte Grossmueti, die im Bergrestaurant stets zugegen war, ob jemand in ihrer Familie Strahler (Kristallsuchende) sei. Nachdem sie dies kurz verneint hatte, gab sie preis, die würden von Ganter Chrigel stammen, der als Quarzsucher bekannt sei und unten im Dorf Selden wohne. Aber dann fügte die Altwirtin noch etwas an, das mich sofort aufhorchen liess. Denn sie meinte, der Chrigel habe beim Entdecken von Quarzen nur deshalb so Glück, weil ihm eine Katze beim Finden der Grüfte helfe. Mein ungläubiges Staunen hat wohl Bände gesprochen, was die Erzählende veranlasste zu vermerken: "wohl, wohl, das stimmt schon!!"

An diesem Tag hatte ich meinen Wagen (mit Spezialbewilligung ins Tal zu fahren) unten in Selden auf dem Parkplatz vom Restaurant "Steinbock" abgestellt. Dort angelangt, war es mir ein Bedürfnis, mich nach dem Strahler Chrigel weiter zu erkundigen. Der wohne ganz in der Nähe, erklärte mir eine freundliche Service-Angestellte und deutete mit dem Zeigefinger auf ein Haus, das man durchs Fenster erblicken konnte. Als ich noch vernahm, der sei erst gerade hier gewesen und sei nun sicher zu Hause, machte ich mich postwendend auf die Suche. Vor dem Haus sah ich erfreut einen stilisierten, fast einen halben Meter hohen Quarz aus irgend einem Metall. Gleich daneben lag eine Katze mit viel weiss und weniger rot im Fell. Etwas weiter hinten auf einer Bank vor dem heimeligen Chalet sass ein pfeifenrauchender, bärtiger Mann so um die sechzig. Ob er der Herr Ganter sei, wollte ich wissen und bekam zur Antwort der Herr sei im Himmel, er sei entweder der Ganter oder der Chrigel. Also stellte ich mich auch als Fred aus Bern vor und kam sogleich auf die erwähnte Katze zu sprechen und wollte wissen, was an der Geschichte, die ich heute vernommen hatte, wahr sei. Das stimme schon, meinte er mit einem feinen Lächeln, aber wenn ich glauben würde, er würde jedem hergelaufener Gwundernase die Wahrheit offenbaren, sei ich fehl am Platze.

Als Chrigel aber unverhofft einen Kaffee fertig offerierte, entspannte sich die Lage. Im Laufe des Gespräches konnte er meine Tierliebe und vor allem Katzenfreundschaft erkennen und sein Mundwerk wurde entsprechend zugänglicher. Langsam, auf jedes Wort bedacht, fing er dann wirklich an zu erzählen. Warum wisse er eigentlich auch nicht mehr, aber hie und da habe er auf Kristallsuche, wenn es nicht zu steil war, im Rucksack seine Katze "Lupi" mitgenommen. Eines Tages habe er beobachtet, wie sie bei einer kleinen Felsspalte stillstand und nicht mehr zu bewegen war. Neugierig habe er die Stelle näher betrachtet und dann wirklich etwa einen halben Meter innerhalb etwas glitzern sehen. Er als Strahler wusste natürlich sofort, dass es sich um Quarz handelte, den er in diesem Fall mühelos mit seinem Werkzeug zutage fördern konnte. Und weil sich das gleiche Verhalten der Katze an anderen Stellen wiederholte, wusste er, es mit einem Vierbeiner zutun zu haben, der auf Glitzersteine reagierte, auch in Fällen, wo das menschliche Auge versagte.

Ein Kenner der Materie weiss zwar, dass wirklich rentable Kluften fast ausschliesslich in steilen und schwer zugänglichen Felswänden zu finden sind. Die Umgebung im Gasterntal ist aber mit Kristallen so reich beschert, dass Chrigel und seine Lupi ganze Fenstersimse damit füllen konnte.


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