Mauzer und die Adlerin

Bei dieser tragisch endenden Geschichte muss ich zuerst den Übeltäter näher beschreiben. Besser gesagt handelt es sich um eine Täterin, nämlich die mir bekannte Adlerin vom "Schneebergli" in der Schrattenfluh. Ihr hauptsächliches Jagdgebiet war der Brienzergrat, wo sie Murmeltieren, Füchsen und jungen Steinböcken nachstellte. Bei meinen Streifzügen in der genannten Gegend, hauptsächlich der Steinböcke wegen, ist sie mir oft begegnet und ich konnte ihr Jagdgebaren sogar beobachten und in meinen "Tiergeschichten" niederschreiben. Als Beispiel möchte ich hier darlegen, wie geschickt sie beim Murmeltierfang in der Mulde oberhalb Rotschalp vorging. Ich sass eines Tages oberhalb diesem Bergkessel und schaute dem lustigen Treiben der dortigen "Munggen" zu. Ein vielstimmiges Pfeifen liess die Luft erzittern. Wie der Blitz sausten die lustigen Kobolde ins nächste Loch, und in Sekundenschnelle war das Gebiet von den Nagern leergefegt. "Aha, Adler", schoss es mir durch den Kopf und schaute deshalb suchend nach oben. Sofort fiel mir dann wirklich der kleinere Ehemann der Adlerin auf, wie er relativ hoch über Grund in Richtung Brienzersee segelte. Bald sollte ich merken, dass dieses auffällige Tun mit einer instinktiven Taktik zu tun hatte. Gwundrig, wie Murmeltiere trotz ihrer Ängstlichkeit sind, liessen sie bald einmal in ihrer Vertiefung umkehren, um nachzusehen, was ihr gefiederter Feind so hoch oben eigentlich wollte. Den Kopf aus dem Loch steckend, fühlten sie sich wegen der grossen Distanz recht sicher und schauten gespannt zu, wie sich der grosse Vogel vom Berg weg immer weiter von ihnen entfernte. Dabei wurde keinem der putzigen Tier bewusst, dass die Gefahr auch von hinten kommen konnte. Ich selber, der etwas weiter oben war, konnte das Unheil aber an einer Bewegung weiter hinten kommen sehen. Wie ein schemenhafter Schatten sauste die Adlerin den Felsen entlang hinunter, fing sich knapp oberhalb der Mulde auf und glitt nur etwa einen Meter über Boden der Kolonie zu. Das ging nur einige Sekunden, und schon zappelte ein bedauernswertes Murmeli in ihren Fängen, gepackt am Nacken.

Bei meinem Abstieg über Sahlibühl nach Ebligen hinunter, kam ich bei der Geisslerhütte vorbei, die als Jagdunterkunft eines mir bekannten Jägers, namens Jaggi Dölf, benutzt wurde. Zu meiner Freude war er auch oben und ich konnte bei einem Kaffee fertig über meine Beobachtungen berichten. Mit von der Partie war noch der Jagdhund Ajax, der so tat, als würde er verstehen, was wir palaverten. Und dann kam da plötzlich aus der Hütte heraus ein roter Kater. Verwundert machte ich fragend grosse Augen, denn ich fand es doch recht komisch, dass ein Jäger auf der Wildbeobachtung auch noch eine Katze mitnahm. Dölf erklärte sofort, die trage er in letzter Zeit oft im Rucksack hier hinauf, einfach so. Er nannte sie Mauzer, und sehrwahrscheinlich habe ich nicht einmal gefragt warum. Wegen meinem vorangegangenen Erlebnis in der Mulde oben, machte ich noch eine nicht unbedingt ernst gemeinte Bemerkung wegen der Adlerin. Der Mauzer könnte wegen seinem roten Haarkleid dem Raubvogel auffallen, gewohnt an die gleichfarbigen Pelze der Bergfüchse, die oft auch als Beute herhalten mussten.

Genau ein Jahr später kam ich wieder bei der Geisslerhütte vorbei und traf die gleiche Situation an. Das heisst, nicht ganz, denn bei meinem Erscheinen schallte es mir entgegen: "Jetz het die Soumoore doch würklich der Mauzer verwütscht!". Weil ich nicht sofort hirnte, was er damit meinte, fing er an zu schimpfen. Heute Morgen sei es gewesen, als er gemütlich beim Morgenessen war. Ajax habe auf ein Schnäppchen gehofft und der Kater sei das Bord hinauf gestiegen. Nicht mehr als 50 Meter sei er gekommen, der anfliegende Schatten übersehend hing er unverhofft in den Krallen des majestätischen Vogels. Durch das Flügelschlagen sei er aufmerksam geworden, aber sein Schreien und Gestikulieren habe nichts mehr genützt. Die Räuberin sei unbeirrt etwas vom Hang weg gesegelt und dann in eleganten Kurven mit der Beute dem Grat entgegen.

Was er nur seiner Tochter Kathrin sagen solle, denn der Moudi gehöre ihr, grübelte er halblaut vor sich hin und lud mich trotz allem Übel zu einem Umtrunk ein.


Retour zur Seite Chatze-Poscht 
 
Copyright by: Katzen- und Edelkatzenclub Bern

Contact Admin: J. Keller

Falls Sie links unser Logo und die Navigationsleiste nicht sehen, klicken Sie bitte hier.