Eine Katze auf Wanderschaft

Wer ist ihnen nicht schon einmal begegnet, den wandernden Handwerkern aus dem hohen Norden Deutschlands, mit ihren schönen, schwarzen Gewändern mit grossen Ketten und Schlapphuit. Nach ihrem Lehrabschluss und Gesellenstück machen sie sich auf Wanderschaft, meistens Richtung Süden, vielfach auch in die Schweiz. So hatte ich seinerzeit auch das Vergnügen, einer dieser Burschen persönlich kennen gelernt zu haben. Ich war damals noch Stift und wohnte bei meinen Eltern in einem grossen Betrieb, dem mein Vater vorstand. Da gab es jeweils auch viele externe Arbeiten zu vergeben, so auch einmal eine Reparatur an einem Dach, weil ein heftiger Sturm einige Ziegel demoliert hatte. So begab es sich dann auch, dass ich zwangsläufig einmal nach oben schaute und dort tatsächlich einen "Hamburger", wie wir damals die Wanderburschen nannten, entdeckte. Da sich zu dieser Zeit nicht viele Ausländer in hiesigen Gefilden aufhielten, weckte der Handwerker natürlich meine Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt wegen einer Katze, die sich in seiner Nähe auf dem Dachgiebel tummelte. Eine, die ich noch nie gesehen hatte und wohl auch nicht aus dem Dorf stammte, wo ich als Katzenliebhaber alle kannte. Es handelte sich für mich eher um eine mehr oder weniger exotische Erscheinung, am ehesten noch mit einer Norwegischen Waldkatze vergleichbar. Darum wusste ich sofort, dass sie zum Gesellen gehören musste. Weil mich nun der Gwunder so richtig gepackt hatte, bat ich meine Mutter, den Dachdecker doch gelegentlich zum Nachtessen bei uns einzuladen, was dann auch geschah. Und hier seine Geschichte:

Der junge, stattliche Mann hiess Dirk und stammte aus Geesthacht bei Hamburg und machte grosse Augen, als in unserem Esszimmer von einem Dienstmädchen eine reichhaltige Berner-Platte aufgetischt wurde. Er habe doch eine Katze dabei, wollte ich wissen. "Ja", meinte er etwas verlegen, sie sei in seinem Zimmer beim Dachdecker Hans Neuhaus, der unweit von uns sein Geschäft hatte. Nach einem Blick zu meinen Eltern bat ich den Gast, diese doch zu holen. Weil mein Kater sowieso nie zuhause war, würden es sicher keine Schwierigkeiten geben. Sichtlich erfreut und erleichtert machte sich Dirk auf, während das Nachtmahl wieder in die Küche zurückbeordert wurde, um dort warm zu halten. Es verging kaum eine Viertelstunde, bis er wieder zurückkam, den Vierbeiner auf seiner Achsel thronend. Weil sie sehr zutraulich schien, durfte sie auf einem Sofa Platz nehmen, wo sie sich wohlig dehnte und ihren Kopf Richtung Küche richtete, wo ihr wohl der Geruch von Essbarem in die Nase gestochen war. Nach dem erneuten Auftischen erhielt auch sie in einem Teller etwas von der Platte, wo sie sich hauptsächlich an das Rindfleisch hielt. Nach dem Essen gab es natürlich viele Fragen, die unser Eingeladene gern und ausgiebig in seinem nordischen Dialekt beantwortete.

Vor mehr als einem Jahr sei er in Geesthacht gestartet, natürlich alles zu Fuss, und eben auch die Katze dabei, die er als Findelkind selber mit der Flasche aufgezogen habe, weshalb auch eine gewisse Abhängigkeit sichtbar sei. Ob er sie denn getragen habe, wollte ich wissen. "Nein, nein, die ist sehr marschtüchtig", meinte der Gast verschmitzt. Zudem seien die Tagesleistungen nicht sehr gross gewesen, weil er zwischenzeitlich auch immer wieder nach Arbeit Ausschau halten musste. Und bei den Arbeitgebern habe es eigentlich auch keine Schwierigkeiten gegeben, ausser in Schluchsee im Schwarzwald, wo die Meisterin ausrief, es komme ihr keine Katze ins Haus. Es habe natürlich auch Zeiten gegeben, wo er keine Arbeit gefunden habe und beide unter freiem Himmel übernachteten, so es das Wetter und die Jahreszeit überhaupt erlaubten. Die Pelzige sei auch Selbstversorgerin gewesen, geschickt im Mäusefangen, halt auch manchmal einen Vogel daran glaubend. Nur einmal habe er mit ihr geschimpft, als sie einen jungen Hasen im Fang hielt. Aber das habe sie nicht begriffen und ungläubig dreingeschaut, weil sie scharfe Worte von ihrem Meister gar nicht gewohnt war. Die einzigen grossen Schwierigkeiten hätten sich erst am Zoll in Rheinfelden ergeben. Ein Zöllner hatte nämlich das Büsi unter seinem Kittel entdeckt, sofort ein Büro aufgetan und ihn ohne Impfzeugnis wieder zurück nach Deutschland geschickt. Erst in Laufenburg sei es ihm in der Folge gelungen, helvetischen Boden zu betreten, weil die Kontrolle offenbar weniger aufmerksam war. Schliesslich sei er dann hier gelandet, rein zufällig und unterwegs immer wieder arbeitend, damit sie beide überhaupt leben konnten.

In unserem Dorf ist er gut vier Monate geblieben und wir wurden Freunde.


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