Der rote Kater und der Gemeinderat

Bei meinem Herumhorchen über Katzengeschichten hat mich ein Cousin, ein Bauer in einem eher abgelegenen 1000seelen Dorf im tiefen Emmental, dahin orientiert, dass dort offenbar sogar Katzen nach politischer Herkunft ihrer Meister eingestuft werden. Der Gemeinderat ist für die dortige Gegend klassisch zusammengesetzt, 5 SVP, davon 4 Bauern und der Gemeindeschreiber, 1 Parteiloser, der Lehrer, und einer von der SP, ein Angestellter bei der SBB.

Letzterer hatte einen roten Kater, der durch sein Herumstreunen und Besuch fremder Gärten offenbar dermassen zu Klagen Anlass gab, dass sich sogar der Gemeinderat wegen Eingaben damit beschäftigen musste. Angeblich sei er dazu gezwungen worden, weil zwei Leserbriefschreiber sich in der Lokalpresse über das "zerstörerische Unwesen" des Katers beklagt hatten.

Die Fortsetzung dieser Seldwyla-Geschichte fand an der Gemeinderatssitzung im Säli vom "Kreuz" unter dem Traktandum Verschiedenes seinen Lauf. Der Präsident, seines Zeichens angesehener Bauer auf dem Oberhof, meinte zum Thema unter diskretem Räuspern, "ja, hm, ja, da wäre da noch die unschöne Geschichte vom Kater unseres Ratskollegen Hanspeter". Immer lauter werdend verkündete er, der Ärger bei den Mitbewohnern sei in einem Mass angestiegen, dass ein behördliches Eingreifen unumgänglich geworden sei.

"So ein Affentheater!" erwiderte Hanspeter, auch nicht gerade auf den Kopf gefallen.. Dann fragte er keck in die Runde, schaute von einem zum andern der etwas beschämten Kollegen, und fragte, was eigentlich geschehen würde, wenn der Kater auf dem Oberhof wohnen würde. "He, Bauer, was würde geschehen? Nichts, sage ich, nichts!". Der etwas verdutzt wirkende Angesprochene konterte mit dem wieder unsicheren Hm, Hm, und meinte dann, in seiner demokratischen Gemeinde hätten alle Katzen, gleich welcher Herkunft, die gleichen Rechte. Aber der gewitzte Hanspi, wie ihn die Bewohner riefen, lächelte nur verschmitzt und gab kund, er habe da angesichts des Aufruhrs auch mal so seine Nachforschungen getrieben. So sei ihm zu Ohren gekommen, dass bei einem in der Nähe des Oberhofs wohnenden Pensionierten eine Katze, die nur von diesem Hof gekommen sein konnte, einen Kanarienvogel aus dem Käfig gerissen habe. Der Jäger Ueli habe ihm zudem zugeflüstert, er habe mit eigenen Augen gesehen, wie der gleiche Vierbeiner mit einem jungen Hasen im Maul dem Hof zugestrebt sei.

Für kurze Zeit wurde es mucksmäuschenstill im Säli. Dann aber legte der Präsident los, von dem wisse er nichts, und es seien ja auch im Gegensatz zum Thema-Kater keine Reklamationen eingegangen. "Kunststück" konterte der Beklagte, wer wage es im Dorf schon gegen dessen Heiligen, dem Oberhof-Bauer, vorzugehen! Das stiess dem Bauer etwas sauer auf und er forderte ungehalten, der Kater vom SBB-Angestellten müsse beseitigt werden, und schritt alsogleich zur Abstimmung.

Von den 7 Räten stimmten 4, also die Mehrheit, gegen die beklagte Katze. Selbstredend waren es diejenigen von der Scholle, die Bauern. Der Gemeindeschreiber und der Lehrer trotzten demnach diesem Ansinnen, und der Beklagte sowieso.

Durch eine Indiskretion kam dieser unrühmliche Entscheid zu Ohren eines Journalisten, und bald darauf konnte man im Regionalblatt unter dem Titel "Seldwyla im Bauerndorf" lesen, was da so Weltbewegendes geschehen ist. Offenbar hatte das seine Wirkung, denn es geschah nichts und der Kater zerkratzte in der Folge ungeahndet weiterhin fremde Gärten. So wenigstens ist es anzunehmen.


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