Schamlos ausgesetzt

Eine nahe Verwandte ist gleichermassen in Katzen vernarrt wie ich selber. Bei gelegentlichen Gedankenaustauschen schrieb sie mir am 5. Juli 2009 folgende Geschichte, die ich den Lesern der "Chatze-Poscht" nicht vorenthalten möchte. Wörtlich übermittelte sie:

"Ich fahre jeden Tag eine Stunde mit dem Velo in Feld und Wald herum. So auch vorletzten Dienstag. Vor der Abfahrt überlege ich mir immer die Route. Nun, an diesem Tag wurde ich irgendwie abgelenkt und fuhr einfach der Nase nach. Ich dachte noch, hoppla, da wollte ich ja eigentlich gar nicht durchfahren. Was soll es, dachte ich, führen doch viele Wege nach Rom.

Ich verliess die Hauptstrasse und näherte mich einem ungemähten Kornfeld. Von weitem schon sah ich eine Tigerkatze am Boden liegen. Zum Glück bewegte sie sich noch. Ich hielt an. Sogleich begann das Büsi jämmerlich an zu schreien und strich mir um die Beine. Sofort streichelte ich sie und setzte mich zu ihr auf den Boden. Dabei bemerkte ich, dass mit der Katze etwas nicht stimmen konnte. Beim genauen Hinsehen stellte ich mit Entsetzen fest, dass sie blind sein musste, sie hatte ganz trübe Augen. Da war nun guter Rat teuer. Was mache ich nun? Kein Natel, keine Katzenkiste, kein Haus weit und breit. Da lassen konnte ich sie nicht, das wäre ihr sicherer Tod gewesen. Nach langem Überlegen entschloss ich mich, das Fahrrad am Strassenrand abzustellen und mit der Katze auf dem Arm mit Veloausrüstung eine halbe Stunde heim zulaufen. Am Anfang ging das ja noch gut, aber da war leider die Hauptstrasse mit dem vielen Verkehr und Lärm. Es kam, wie es kommen musste. Das Büsi hatte panische Angst und zerkratzte mich ordentlich. Auch die Bekleidung wurde arg ramponiert.

Nun, ich schaffte es nach Hause, und es gelang mir, einen Katzenkorb im Keller zu holen. Unsere vier Katzen nahmen gar nicht gross Notiz vom Neuankömmling. Der frass und trank wie wild das angebotene Futter. In der Zwischenzeit telefonierte ich mit meinem Mann, der in der Folge sofort heim kam. Da ich die Katze ja gefunden hatte, durfte ich sie nicht einfach so behalten. Mein Mann meldete die Gefundene als Findeltier im Tierheim Oberbottigen. Mit dem Polizeiauto ging es dann nach dort. Ich hätte das Katerli so gerne behalten, aber wir haben ja schon vier.

Ich war sehr traurig, dass es Leute gibt, die eine blinde Katze einfach so ihrem Schicksal überlassen. Das lustige Büsi wollte mir einfach nicht aus dem Kopf. Gestern beschloss ich ganz spontan, dem Kater einen Besuch abzustatten. Dem geht's trotz Blindheit prächtig, und seit Samstag wohnt er nun bei uns. Im Tierheim waren sie mehr als froh, dass der Geschundene ein Plätzli erhält. Meine Stubentiger wissen noch nichts vom Neuankömmling. Wird am Anfang schon noch ein paar Faucher und Tatzenhiebe absetzen".

Das ist also einer der traurigen Geschichten von Aussetzungen, die in mir jeweils die Galle hochgehen lassen. Meine Wut über solch feige Kreaturen konnte ich vor Jahren selber an einem "Aussetzer" auslassen. Ich fuhr von Huttwil herkommend in Richtung Fritzenfluh und gewahrte plötzlich, wie aus dem vor mir fahrenden Auto ein kleiner Hund in die Wiese geworfen wurde. Mit Vollgas brauste der Wagen davon und ahnte wohl nicht, dass ich über eine stärkere Bolide verfügte. Noch vor dem Tunnel auf der Passhöhe konnte ich den Flüchtenden stellen, mit einem Arm aus dem Wagen holen und mit der anderen sogleich zuzuschlagen, so wütend war ich. Das war von mir aus gesehen zwar keine Heldentat, denn ich war dem Fichtling körperlich stark überlegen, aber eine Genugtuung spürte ich doch, als ein wenig Blut aus dessen Nase floss. Lauthals schrie der Verprügelte nach der Polizei und schwieg erst auf meine Bemerkung, die würde sich dann sicher auch für die Aussetzung des kleinen Hundes interessieren. Nun wusste er, dass es ein Zeuge gab und schwieg.

Die Polizei, die ich zwecks Nachsuche orientierte und den Halter nachträglich auf dem Posten anzeigte, hat den Hund gefunden und wahrscheinlich einem Tierheim zugeführt.

Und das Ende der Geschichte: der Aussetzer wurde zu einer Busse verurteilt, aber wegen einer Gegenanzeige fasste ich auch eine solche wegen Körperverletzung. Das Geld hat mich nicht gereut, die Genugtuung war einfach höher.


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