Ein Büsi unter diplomatischem Schutz

Aus geschäftlichen Gründen war ich damals in der Hauptstadt des Irak, in Bagdad. Es war eine Zeit voller Unruhen in diesem Land, denn ein gewisser Saddam Hussein hatte gerade angefangen, das Land mit Mord und Totschlag in eine Diktatur umzuwandeln. Wir Ausländer konnten zwar ungehindert in der Stadt herumflanieren, wurden aber immer wieder von wild aussehenden Milizen, versehen mit umgehängten Kalaschnikows, angehalten und nach dem Pass gefragt. Bald einmal haben wir gemerkt, dass man ungeschoren davonkam, wenn man ihnen eine Dollarnote unter die Nase rieb.

Mir wurde schon in der Schweiz geraten, mich nach meiner Ankunft bei unserer Botschaft und dem Swissair-Büro zu melden. Das hat mir dann auch in der Folge wegen verschiedenen Verhaltensregeln sehr gedient. Zudem hat es mir auch zu verschiedenen Einladungen und Bekanntschaften verholfen. Wegen einer Garten-Party auf dem Botschaftsgelände war ich eines Tages unterwegs auf einem Fussweg dem träge dahinfliessenden Tigris entlang, als ich schon von weitem eine Horde von etwa zehn Halbwüchsigen gewahrte, die sich johlend immer wieder einen Gegenstand von einem zum andern zuwarfen. Ich wurde erst stutzig, als ich wahrnahm, dass es sich beim Wurfgegenstand um eine noch junge Katze handelte.

Auf Berndeutsch laut losfluchend brüllte ich die in weissen Röcken gekleideten Gofen an und drohte wohl mit den Fäusten. Die waren ab der fremden europäischen Gestalt offenbar etwas verunsichert und entfernten sich rückwärtsschreitend von der Bildfläche. Derjenige, der das Kätzchen gerade in Händen gehalten hatte, warf dieses in hohem Bogen ins dreckige Nass des breiten Flusses. Dort tauchte es bald einmal wieder auf und hielt stramm schwimmend das kleine Köpfchen über Wasser, zielstrebig dem Ufer entgegen, wo ich immer noch emotional aufgewühlt wartete und dann am Nacken an Land zog.. Die Tierquäler hatten sich inzwischen in die Büsche verzogen und so stand ich ganz allein mit der Durchnässten da und beschloss, sie in die etwa zwanzig Gehminuten entfernte Botschaft mitzunehmen. Dort angekommen, war der mir bereits bekannte Vize-Konsul Werner Derendinger zwar etwas über mein Mitbringsel erstaunt, und ich musste ihm kurz erklären, das sei nicht etwa ein Geschenk anstelle von Blumen, sondern sich um ein wehrloses Geschöpf handle, für das ich auf neutralem Boden in der Botschaft um Asyl ersuche.

Werner Derendinger hat die etwas befremdliche Situation schnell begriffen und hat einen in der Nähe befindlichen Angestellten beauftragt, nach der Frau des Botschafts-Chauffeurs zu suchen. Offenbar war diese die geeignetste, dem Asylgesuch wohlwollend zu entsprechen. Als diese dann erschien und die Kleine sofort herzte und fröhlich streichelte, war ich erleichtert und gewiss, ein freudiges Ende der zuerst traurigen Geschichte gefunden zu haben.

Es mag etwa zwei Jahre später gewesen sein, als mich die Telefonistin in unserer Firma anrief, ein gewisser Herr Derendinger und seine Frau aus Bagdad seien am Empfang. Zuerst war ich baff, eilte aber in freudiger Erwartung sofort zu den Wartenden, wo ich bald einmal den Grund des Besuches erfahren durfte. Werner, mit dem ich in Bagdad Freundschaft geschlossen hatte, erklärte, er sei in Bern im Auswärtigen Amt gewesen, weil er nach Toronto versetzt worden sei. Dabei habe er und seine Gemahlin spontan beschlossen, den Fred Ryf aufzusuchen, um ihm das weitere Schicksal seines Findelkindes zu erzählen. Und da bekam ich nur Gutes zu hören. Das Kätzchen, das sich inzwischen zu einem stattlichen Kater entwickelt hatte, sei der Liebling des ganzen Personals der Botschaft geworden. Er habe sich im grossen Park, der sich bis ans Ufer des Tigris ausdehnt, wie ein König benommen. Nur die Nähe des Flusses habe er ständig gemieden. Warum wohl?


Retour zur Seite Chatze-Poscht 
 
Copyright by: Katzen- und Edelkatzenclub Bern

Contact Admin: J. Keller

Falls Sie links unser Logo und die Navigationsleiste nicht sehen, klicken Sie bitte hier.