Vom Zug auf die Kutsche

Ich sass im Schnellzug von Bern nach Interlaken, als es auf der Höhe Münsingen von der Türe her tönte: "Alle Billete bitte!" Neben gut zwei Dutzend Japanern war ich wohl der einzige, der das verstand.. Als der Kundi bei mir geknipst hatte, schaute er noch hoch zum Gepäckträger und meinte: "Und die da oben?". "Was die da oben!" gab ich verdutzt zurück, stand auf und gewahrte tatsächlich auch eine weisse Katze auf einem Tuch und ohne Käfig. Die gehörte nun wahrhaftig nicht mir, und den Japanern sicher auch nicht. Erstaunlicherweise hielt sich das Tier absolut ruhig und schien auch nicht verängstigt zu sein. Wir kamen zum Schluss, dass der Weissling in Bern ausgesetzt worden sei, denn der Zug wurde im dortigen Depot zusammengestellt. Der Schaffner war sichtlich erleichtert, als ich ihm als Katzenfreund offerierte, mit dem Büsi in Interlaken-West auszusteigen und weiter zu sehen. Ohne Widerstand liess sich der Pfotenträger einwickeln und ich hörte sogar ein leises Schnurren.

Auf dem dortigen Stationsbüro wollte man aber nichts wissen. Wenigstens schaute man in einem Telefonbuch nach, wo sich das nächste Tierheim befinde. Das war aber etwa 10 Kilometer weit, in Wilderswil. Noch recht unentschlossen begab ich mich zum Taxistand und überlegte, ob ich den Betrag für die Fahrt überhaupt ausgeben wolle. Dabei hätte ich es mir ja eigentlich leicht machen können. Die Katze war schliesslich ein Fundgegenstand und die Bahn wäre verpflichtet gewesen, diesen zu übernehmen. Aber weil ich halt eben ich bin, stand ich noch etwas ratlos herum, als ich auf dem dortigen Parkplatz viele Pferdekutschen wahrnahm, die auf Kundschaft warteten. "Die gehören ja dem Vögeli" durchzuckte es mein Hirn. Der Besitzer des grossen Reitstalls mit Kutschenbetrieb kannte ich persönlich und wusste deshalb, dass sich in seinem Umfeld auch einige Hunde und Katzen tummeln.

Den etwa zehnminütigen Fussmarsch nach Unterseen nahm ich gerne auf mich und alsbald trottete ich über die nahe Aarebrücke dem Ziel entgegen. Dort angekommen, verwarf der Angesprochene zuerst die Hände, beruhigte sich aber, als ich ihn auf seine bekannte Tierliebe ansprach. Als er schliesslich meinte, auf eine mehr oder weniger komme es ihm eigentlich nicht an, fiel mir ein grosser Stein vom Herzen. Wegen der Zutraulichkeit des "Fundgegenstandes" schien es auch keine grossen Schwierigkeiten zu geben, denn nach Verabreichung von Katzenfutter und Wasser machte die Katze keine Anstalten fortzulaufen.

Glücklich und erleichtert machte ich mich nach vielen Dankeschöns von dannen, schlenderte über den bekannten Höheweg einem guten Restaurant entgegen, wo ich mit mir allein den Erfolg bei einem bekömmlichen Mittagessen feierte.

Im Herbst des gleichen Jahres war ich unterwegs nach Brienz und stieg im Bahnhof Interlaken-Ost um. Weil ich noch etwas Zeit hatte, begab ich mich auf den grossen Vorplatz und begegnete dort wieder einer Anzahl Pferdekutschen. Gebannt blickte ich plötzlich auf einen der Kutschenbocks, weil sich dort eine weisse Katze die Pfoten leckte. "Das darf doch nicht wahr sein", entfuhr es mir, und ich sah mich nach dem zuständigen Kutscher um, der sich dann als eine Kutscherin entpuppte. Bei meinem Auftauchen sah mich diese lächelnd an. Offenbar sah sie in mir einen willkommenen Kunden und war sichtlich enttäuscht, als ich lediglich über die Katze Bescheid wissen wollte. Die sei im Reitstall zuhause, fahre aber jeden Tag mit irgend einer Kutsche mit, eigentlich zur Freude aller.

Als ich dem Fräulein die Story über den Fund erzählte, war sie über das Gehörte heil begeistert und war nicht böse, dass ich nicht mit der Kutsche reisen wollte. Dann fragte ich noch, wie die Katze überhaupt heisse. "Fredy", meinte die Angesprochene und wusste sicher nicht recht, wieso ich über das ganze Gesicht strahlte. Das sagte ich ihr aber nicht, denn ich war überzeugt, dass der Vögeli wegen mir dem Stubentiger diesen Namen gab.


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