Der Luchs, auch eine Katze

Wie schon oft befand ich mich wieder einmal während einiger schönen Herbsttage im Hotel Kulm auf dem Brienzer Rothorn, von wo aus man herrliche Exkursionen zu dem vielfältigen Alpenwild machen kann.

Es war noch dunkel und nur ein kleiner roter Streifen über der Sustengegend verkündeten einen baldigen Tagesanbruch, als ich schon unterwegs war. Zwar noch mit einer Taschenlampe bewaffnet, kam ich auf dem schmalen Gratweg in westlicher Richtung gut voran. Mein Sinn galt den kapitalen Steinböcken rund um das Briefenhorn, die ich am Abend vorher mit einem starken Fernglas ausgemacht hatte. Die Dämmerung war schon recht fortgeschritten, als ich mich bei der zackigen Gegend oberhalb des "Lättgässlis" einfand. Kurz entschlossen stieg ich, einem fixmontierten Seil folgend, das steile Couloir hinunter zu der so genannten "Chruttere", um später die Flanken des genannten Horns von Norden her anzugehen.

Unten angelangt, suchte ich mir eine kleine, versteckte und begraste Mulde aus, um von der nicht sofort einsichtbaren Warte aus zu beobachten, was sich in Sachen Wild in näherer oder weiterer Umgebung so alles tat. Schon beim Abstieg gewahrte ich etwa zweihundert Meter unten einen kleinen goldbraunen Fleck, den ich aber gedankenlos als Reh abtat. Wohlwissend, dass sich dieses Schalenwild auch in höhere Gefilde begibt. Zudem hatte ich weiter hinten ein Krachen vernommen, das sich anhörte, als würde man zwei Holzbretter gegeneinander schlagen. In Wirklichkeit war das aber das Geräusch von je zwei Hornpaaren, das Steinböcke verursachen, wenn sie sich gegenseitig auf die Hinterläufe stellen und dann wuchtig beim Herunterkommen zusammenstossen. Sie waren also da, und es würde mir in Bälde nicht schwer fallen, diese herrlichen und stolzen Kletterer zu sehen.

Von der Schrattenfluh herkommend sah ich zwischendurch auch die mir bekannten Adler dem Grat zustreben, um dort nach Jagdbarem zu suchen.

Wegen der Steinböcke konnte ich mir noch Zeit lassen. So war es nicht verwunderlich, dass meine Augen wieder einmal den gelben Fleck suchten, diesmal mit einem Feldstecker verstärkt. Himmel, das darf doch nicht wahr sein! Mir blieb einen Momentlang die Spucke weg. Was ich da nämlich im Rund der Linse sah, war nichts anderes als ein ausgewachsener Luchs. Ich fragte mich zwar, was dieser Nachtjäger um diese Zeit noch tat. Regungslos drückte er sich auf den Boden und beobachtete einen kleinen Punkt, der sich bei näherer Betrachtung als Schneehase entpuppte, der noch mit einigen weissen Farbtupfern behaftet war. Immer wieder Grashalme zupfend, näherte sich das Langohr Hupt für Hupf der drohenden Gefahr.

Als die Grosskatze wohl meinte, den Fluchtweg des Hasen im Griff zu haben, schlich sie sich geschickt etwas näher heran, duckte sich dann wieder, erhob sich blitzartig und sprang auf die Beute ab. In der gleichen Zehntelsekunde nahm aber der Löffler diese Bewegung wahr, zog los, und wie. Immer wieder Haken schlagend, sauste er schräg gegen meinen Liegeort hinauf einem wilden Gewirr von Stauden und kleinen Tännchen zu, das ebenfalls Zickzack laufende Raubtier immer näher kommend an seinen Hinterpfoten. Als ich schon glaubte, der verheerende Prankenschlag komme jeden Moment, gelang es dem Fliehenden wahrhaftig, wirklich im letzten Moment, das rettende Dickicht zu erreichen und blitzartig darin zu verschwinden. Der Verfolger war noch dermassen im Schuss und vom Jagdfieber besessen, dass er beinahe kopfvoran in das Gebüsch knallte. Sein Stopp war jedenfalls so heftig, dass einige Mutten in die Luft flogen.

Verdutzt stand er nun da, jetzt nur noch knapp zwanzig Meter von mir entfernt, und schämte sich sichtlich seiner Unfähigkeit wegen. Sein kleiner Stummelschwanz wedelte vor Ärger heftig hin und her, und von Zeit zu Zeit verdrängte er seine Wut, indem er mit den kräftigen Vorderpranken die Grasnarben traktierte.

Dann legte er sich nieder und äugte gelangweilt in die Gegend. Mich hatte er mit Sicherheit noch nicht bemerkt. Vielleicht vorher bei meinem nicht gerade lautlosen Abstieg durch das Lättgässli schon. Aber da war ich für ihn noch zu weit weg, und sichtlich hatte er den Vorfall inzwischen vergessen.
Gut getarnt nahm ich mir nun die Musse, dieses wunderschöne Tier etwas näher zu betrachten. Von meinen Studien her konnte ich unschwer erkennen, ein ausgewachsener Kuder (Kater) vor mir zu haben. Dessen schwarze Büschel hoben sich lustig von den Ohren des runden Kopfes ab, und wenn er etwas in meine Richtung blinzelte, konnte ich seine schönen grüngelben Augen bewundern. Die Faszination war in diesem Moment grenzenlos.

So sind wir uns über einige Zeit gegenübergelegen. Die Sonne stand schon recht hoch und wärmte mir wohlig den Rücken. Als mir die Steinböcke wieder in den Sinn kamen, konnte ich mich gerade noch vergewissern, wie die Letzten auf die andere Seite des Grates wechselten, in die Gegend oberhalb der Gummialp.

Und immer war der Luchs noch da, was mich sehr erstaunte, ist doch diese Gattung eher der Nacht oder der Dämmerung zugeordnet. Sei das nun wie es wolle, Hauptsache er war überhaupt da und hat mir einige wunderschönen Sequenzen vermittelt. Wegen meines bewegungslosen Liegens tat mir der Rücken schon recht weh. Deshalb beschloss ich, der Begegnung eine Ende zu bereiten. Unverhofft stand ich auf und lachte dem aufgescheuchten und in langen Gängen den Berg hinunter sausenden Luchs nach.

Beflügelt durch das nicht erwartete Zusammentreffen, brachte ich sogar das Couloir mühelos hinter mich und strebte dem Hotel zu. Der dort anwesende luzernische Wildhüter Fritz Wicki hörte meinen Ausführungen interessiert zu. "Also doch", meinte er nur, was immer das auch heissen mochte.


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