Jaguar im Amazonas

Vom Tigerbüsi, das mich im Amazon Village am Rio Negro vor Schlangen gewarnt hatte, habe ich in einer anderen Kolumne berichtet. Weil ich aber noch einer viel grösseren Katze, einem Jaguar, begegnet bin, möchte ich heute darüber berichten. An der Bar im Village habe ich eines Abends einen waschechten Indianer kennen gelernt, der sich als Schwager des Dorfheiligen ausgab. In einer Missionsschule ausgebildet, sprach er perfekt Englisch. Er nannte sich "Che" und war ständig von einem grossen, braunen Hund begleitet, den er "Dingo" rief. Mit diesem habe ich mich eng angefreundet und er war in der Folge ständig bei mir und begleitete mich bei Ausflügen. Auf meine Frage an Che, ob er mir eventuell einen Jaguar zeigen könnte, bejahte dieser zu meinem Erstaunen. Diese Grosskatze ist nämlich im Amazonas sehr selten.

Ich hatte zu dieser Zeit noch genau eine Woche Zeit bis zu meiner Abreise mit einem Bananenboot nach Manaus. Deshalb fragte ich den Ureinwohner, ob das lange. Zwei Tage rauf und zwei Tage runter, meinte er lakonisch und nannte sogleich den Preis. 10 US$ pro Tag mit allem Drum und Dran, also inklusive Boot und Verpflegung, die ich als Vollpensionär so oder so zugute hatte. So zogen wir schon anderntags los in einem Weidling mit Aussenbordmotor.

In meinen Reisebeschreibungen zu dieser Zeit liest sich dann das Hauptereignis so:

Es ist schon ziemlich dunkel geworden und ich überlege gerade, ob ich noch etwas Schwemmholz ins Lagerfeuer nachladen soll, als wir ein knurriges Fauchen hören, offenbar nicht weit entfernt oben im Regenwald. In mir regt sich hoffnungsvolles Sehnen, endlich und mit Hilfe des Indianers und dem Hund einen leibhaftigen Jaguar sichten zu können. Fragend schaue ich den Naturburschen an und freue mich, als dieser zustimmend nickt, gleichzeitig aber bemerkt, ein Näherkommen sei nicht leicht und wir müssten höllisch aufpassen, das Raubtier nicht zu vergrämen. Ein Angriff auf uns sei aber nur möglich, wenn wir es in die Enge treiben würden oder Dingo sich erdreisten sollte, anzugreifen. Eilig hole ich eine Stablampe, lege den Hund an eine starke Lederleine, und mit Che und seiner Büchse geht es los. Vorne weg der Späher, dahinter der Hund und dann ich. Bald haben wir die ersten Büsche hinter uns, und es wird stockdunkel. Dabei ist es mir ein Rätsel, wie sich da Che zurechtfindet, ohne den Kopf an einem Stamm blutig zu schlagen. Für mich ist es relativ einfach, brauche ich mich doch lediglich an der Hundeleine zu halten und führen zu lassen. Von Zeit zu Zeit bleiben wir stehen und lauschen angespannt in die Nacht, um weitere Töne des Urwaldjägers zu vernehmen. Solche hören wir dann auch in kürzeren Abständen und immer etwas lauter, je näher wir kommen. Der Indianer verlangt nach dem Licht und erklärt flüsternd, es handle sich offenbar um ein Weibchen, welches eine Beute geschlagen habe und nun mit Lockrufen die Jungen herbeihole.

Von nun an geht es nur noch langsam in der angepeilten Richtung vorwärts, und weil seit längerer Zeit nichts mehr zu hören ist, müssen wir annehmen, der Nachwuchs habe das Ziel erreicht. Nach einem weiteren Stillstehen bittet mich der Waldläufer zu sich und erklärt fast lautlos, wir seien da und ich solle doch meine Ohren spitzen. Angestrengt lausche ich das Dunkel und höre wirklich so etwas wie ein reissendes Schmatzen. Wir müssen also recht nahe sein, und ich wundere mich, warum die Raubtiere, die uns sicher längst geortet haben, nicht davon machen. Auf meine diesbezügliche Frage erklärt Che, die hätten sicher Hunger und zögen die Sättigung einer etwelchen Gefahr vor. Noch bevor er Licht macht, bindet er Dingo kurz an einen Stamm, damit er uns das Erlebnis mit seiner Ungestümtheit nicht noch durchkreuzen kann.

Dann zündet er die Lampe an, und im Lichtkegel sehen wir nur etwa zwei Stubenlängen entfernt drei reflektierende Augenpaare, eines etwas weiter auseinander als die andern, also wie vorausgesagt eine Mutter mit zwei Jungen. Um die Szene besser beobachten zu können und die Tiere nicht weiter zu blenden, richtet Che den Strahlenbund etwas nach oben, von wo er von den riesigen Blättern in abgeschwächter Form etwas Helle verbreitet. Während Dingo gebieterisch angehalten wird, still zu sein, sehen wir gebannt zwischen Baumstämmen hindurch die genüsslich fressende Familie.

Mir pocht das Herz fast hörbar in Anbetracht dieser wunderschön gefleckten Grosskatzen, die leider auch auf der Liste der bedrohten Tiere stehen. Einmal mehr kann ich nicht verstehen, wieso solch herrliche Geschöpfe erlegt werden, nur um bei reichen Snobs in New York, London oder Zürich als Wandschmuck oder Bettvorlagen zu landen. Hie und da schaut die Jaguarin in Richtung der Lichtquelle, ohne sich aber vom Weiterfressen abzuhalten. Als sie einmal einen Hinterlauf des Opfers hochreisst, kann ich erkennen, dass es sich beim gerissenen Tier aufgrund der Streifen um ein junges Okapi handelt.

Ganz unerwartet scheint sich eines der Jungen lebhaft für die von uns ausgehende Lichtquelle zu interessieren, und es trottet unverblümt in unsere Richtung. "Himmel, wenn das nur gut geht!" Seine Mutter mauzt und lockt sofort, was das Kleine aber nicht beachtet und weiter auf uns zugeht, jetzt aber langsamer und vorsichtig geworden. Als sich die Alte noch aufrichtet und Anstalten trifft, ihrem Sprössling zu folgen, versucht Che, sie mit der Taschenlampe zu blenden. Aber das macht sie nur noch nervöser, und sie fängt an in unsere Richtung zu schleichen. Spätestens jetzt ist das ein Signal, uns vorsichtig aus dem Staub zu machen, denn der Hund gebärdet sich nun auch wie wild. Nur mit Mühe kann ich ihn losbinden und hart am Halsband zurückreissen, um nach hinten zu gehen, gefolgt vom Indianer, der weiter darnach trachtet, der Katze die Sicht zu nehmen. Rückwärts schauend gewahre ich, dass uns das Junge immer noch folgt und dahinter sicher auch seine Mutter. Offenbar ist nun auch Che verunsichert und er schiesst zwecks Erschreckung mit seinem Gewehr in die Luft. Das Kleine kugelt sich beim Knall fast vor Schreck und rennt in gegenseitiger Richtung davon, sicher gefolgt von den andern.

Innerlich noch aufgewühlt vom Erlebten begeben wir uns auf den Rückmarsch, wobei der Hund an der langen Leine vorausgeht, sicher auf seiner gelegten Spur den Weg findend. Nach gut einer halben Stunde riechen wir den Fluss und treten auch bald einmal aus dem Dickicht, wo uns eine schwache, aber noch sichtbare Glut vom Feuer "begrüsst". Aber es reicht gerade noch, in einem Blechtopf einen Kaffee zu brauen. Während der Indianer neben mir schon schnarcht, ist es unmöglich, selber an Schlaf zu denken Zu überwältigend ist das eben Erlebte. So träume ich in den immensen Sternenhimmel hinein, während Dingo nicht weit von uns Posten bezogen hat.

 

Auf dem zweitägigen Zurücktuckern sah ich immer noch das herrliche Bild der edlen Katzen vor mir, gewahrte deswegen kaum die kreischenden Brüllaffen oder die Wasser peitschenden Alligatoren.


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