Die Schlingel von Rio de Janeiro

Diese amüsante Geschichte zeigt, mit was für Tricks die Strassenkinder von Rio versuchen, ihr Sackgeld sogar mit Katzen aufzupolieren.

Nach einigen Aufenthalten in dieser anziehenden Stadt war ich schon dermassen bewandert, dass ich mich allein und mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Taxis bewegte, um neben der Copa Cabana auch andere mannigfaltigen Sehenswürdigkeiten zu erforschen. Es war an einem Samstag Morgen, als ich beim Concierge des Hotels eine Reklame vom Botanischen Garten entdeckte und sofort beschloss, am Nachmittag da vorbeizugehen.

Also habe ich mich aufgemacht in Richtung Zuckerhut, an dessen Fusse sich der grossflächige Garten mit seltenen Pflanzen, Blumen und Bäumen befindet. Noch bevor ich durch das schwere, gusseiserne Tor eingetreten bin, habe ich unweit davon ein emsiges Treiben rund um einen sogenannten Flohmarkt entdeckt. Spontan beschloss ich, mich auch dort etwas umzusehen, war aber bald einmal enttäuscht ob all dem wertlosen Plunder. Ich wollte gerade gehen, als ich an einer Mauer einen etwa siebenjährigen Jungen mit zerlumpten Shorts und nacktem Oberkörper sah, der neben sich einen kleinen Käfig hingestellt hatte, in dem tatsächlich ein Tigerbüsi vor sich hindöste, und sich wegen der Enge kaum bewegen konnte.

Meinem Naturel entsprechend schlenderte ich den beiden entgegen und überlegte, wie ich mich mit meinem leidlichen Portugiesisch mit dem "Katzenhändler" verständigen sollte. Aber der Kleine kam mir mit seinem englischen Kuderwelsch zuvor, und erleichterte damit eine Verständigung. Er könne sich den Vierbeiner nicht mehr leisten und müsse sie deshalb leider verkaufen, meinte er. Dabei streckte er mir beide Hände mit den ausgespreizten Fingern entgegen. Damit meinte er offenbar 10 Real. Leicht amüsiert liess ich mich in den Handel ein und streckte ihm meinerseits nur eine Hand entgegen. Nicht mehr als 5 Real sollte das heissen. Offenbar des Märtens gewohnt, zuckte er nur leicht mit den Achseln, nahm die Katze aus dem Käfig und streckte sie mir entgegen. Schon bei dieser ersten Geste fiel mir auf, wie ruhig der Tiger das über sich ergehen liess, in keiner Weise zappelte oder gar zu fliehen versuchte. Und als er dann in der Folge in meinen Armen lag und sich sogar an mich schmiegte, wurde mir klar, es mit einer an Touristen gewohnten Kreatur zu tun zu haben.

"Aha, du Schlingel", dachte ich und wurde mir bewusst, dass der Katzenhändler sich sicher war, ich würde ihm das Tier sogleich wieder zurückgeben. Das wäre ja wohl auch logisch gewesen, denn was sollte ich auch als Hotelgast mit dem Büsi anfangen. Aber eine kleine Lektion wollte ich dem Lausbuben doch geben. Also platzierte ich das Kaufobjekt unter meine Jacke und machte mich davon in Richtung Botanischer Garten. Schräg zurückblickend konnte ich gerade noch das verdutzte Gesicht mit weit aufgerissenen Augen ausmachen. Unberührt schritt ich aber munter weiter, und konnte bald einmal feststellen, wie mir der Junge folgte. Wie musste ihm wohl zumute gewesen sein, als ich nach Bezahlung des Eintrittes in den wunderbaren Garten eintrat. Weiter folgen würde er mir wohl nicht, das Geld für den Besuch mochte er sehrwahrscheinlich nicht ausgeben.

"So, nun ist es des Guten zuviel", sinnierte ich und liess den Strassentiger laufen. Dies im Bewusstsein, der Knabe würde das genau verfolgen und bald einmal wieder zu seiner Katze kommen. Von draussen hörte ich sofort einen satten Pfiff und war nicht erstaunt, dass diese kurz die Ohren spitzte und sich mit aufgestelltem Schwanz durch den Ausgang davon machte.

Nach gut zwei Stunden habe ich auch die Stätte des Geschehens verlassen, und stellte beim Gehen durch den Jahrmarkt fest, dass der "Hösi" nicht mehr da war.

Das Erlebte hat mir so gut gefallen, dass ich anderntags beschloss, mich noch einmal an den beschriebenen Ort zu begeben. Und wen ich dort am gleichen Ort und an der gleichen Mauer wieder zu Gesicht bekam, brauche ich wohl nicht erst zu erklären. Im kleinen Käfig natürlich auch "mein" Tiger. Der Kleine ist zwar bei meinem Erscheinen etwas errötet, setzte aber dann ein solch einnehmendes Lächeln auf, dass ich auch darauf einging. Nach etwelchem Palaver erklärte er mir ganz unschuldig, er würde die Katze im Tag bis drei Mal an Touristen verkaufen!


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