MP und die Sintflut

MP! So wird doch keine Katze gerufen, mögen sich einige denken. Aber das ist so: Ungefähr sechs Jahre vor dem beschriebenen Ereignis ist am Mühle-Platz in der Matte zu Bern ein Siam-Kater bei einer mir bekannten Familie zugelaufen. Niemand wusste, woher er kam, und namenlos war er natürlich auch noch. Einer Laune folgend, hat man einfach die Abkürzung für Mühle-Platz genommen.

Spätestens nach den verheerenden Unwettern in den Jahren 1999 und 2005 weiss praktisch jedermann, was das für die Bewohner im Berner Mattequartier bedeutet. Zimmerhohe Überschwemmungen machten die Gegend nach jeder Sintflut unbewohnbar.

Dort unten, ganz nahe am Aareufer, wohnt also der Siamese MP mit seiner Familie. Den Anwohnern ist er bekannt, weil er sich herausnimmt, sämtliche erreichbare Dächer zu erforschen und ab und zu von dort aus auch ungefragt in fremde Wohnungen zu steigen. Aber niemand der stets aufgestellten „Mättelern“ nimmt es ihm übel oder beklagt sich bei den Besitzern. Die Freude des Zusammentreffens überwiegt etwelches Unbill, selbst dann, wenn er frech etwas auf fremden Küchentischen „erobert“. Ein- und Ausstieg auf die Dächer erfolgt jeweils durch so genannte Entlüftungsluken in Estrichen, die bei schönem Wetter meistens offen stehen.

Es war in der Katastrophennacht vom 21. auf den 22. August 2005. Ganz genau um 0330 Uhr, als Spätheimkehrer oder aufmerksame Anwohner Alarm schlugen. „Wasser, Wasser“ schrieen sie und klopften an alle erreichbaren Haustüren. So wurden auch die Besitzer von MP geweckt, die bei ihrem Aufstehen erschreckt wahrnehmen musste, dass das Wasser bereits knöcheltief in der Wohnung stand. Schnell etwas anziehen, und dann nichts wie raus, immer wieder nach MP rufend. Aber der war nicht da. Auch dann nicht, als die Flut bereits die Decken der Parterrewohnungen erreicht hatte. Angesichts dieser Tatsache flossen die ersten Tränen. Man wurde aber nicht müde, von Booten aus nach dem Verschwundenen zu rufen. Nichts regte sich, und auch auf den Dächern konnte niemand das braune Fell entdecken. Nach Stunden waren sich alle sicher, der Arme sei weggespült worden und in der reissenden Aare elendiglich ertrunken.

Aber wie war es wirklich? Sicher lange vor den Menschen hat MP gehört oder gefühlt, dass sich da etwas Ungewöhnliches anbahnte. Ein zuerst fernes Rauschen hat ihn von seinem Nachtlager aufstehen lassen, und durch die Katzen-Klappe hat er im Korridor Nachschau gehalten. Aber was war das? Da floss doch tatsächlich bereits ein kleines Bächlein daher, das zusehends anstieg. Wer weiss, dass Katzen Feuchtigkeit wie der Teufel das Weihwasser fürchten, kann nachvollziehen, dass der Geweckte schleunigst das Treppenhaus bis zum Estrich hinaufstieg. Die dortige Tür steht nicht zuletzt wegen ihm immer offen. Er hätte zwar unten auch die Klappe hinten hinaus in den Garten direkt am Aareufer nehmen können. Aber dort hätte es ihn womöglich weggeschwemmt. So also nahm er den sichersten Weg hinauf unters Dach. Liebend gern wäre er auf die Ziegel gestiegen, um zu schauen, was da eigentlich los war. Aber oh weh, die Luke war wegen den starken Regenfällen geschlossen, und er war gefangen. Zwar fühlte er sich geborgen, denn unten im Quartier war die Hölle los. Menschen brüllten durcheinander, und aufkommendes Sirenengeheul tat ihm in den Ohren weh. Erst nach Stunden schlich er wieder nach unten, aber da war kein Durchkommen. Ein See bis zum ersten Stock versperrte ihm den Weg, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich wieder hinauf zu begeben. Stunden vergingen, Tage, Nächte. Niemand hörte sein klägliches Miauen, das vor lauter Hunger und Durst langsam in ein leises Klagen über ging.

Das ganze Quartier war inzwischen evakuiert worden, und als sich bis zum vierten oder fünften Tag noch einige Anwohner weigerten, ihre Stätte zu verlassen, beschloss die Regierung die Zwangsevakuierung. Rettungstruppen fuhren mit Booten von Haus zu Haus und durchstöberten alles bis zur Dachspitze. Und wen wohl fanden sie dort? Klar, unseren MP, der gar nicht menschenscheu ist und sich laut schnurrend retten liess.

Vorne gegen den Läuferplatz wurde der Gerettete ausgeladen und herumstehende „Mätteler“ wussten Bescheid, und die Besitzer, die inzwischen in der Nähe bei Verwandten wohnten, konnten orientiert werden.

Die feierliche Übergabe ist sogar vom Fernsehen gefilmt worden!


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