Eine fast unglaubliche Überwinterung

Ich war früher während meiner Freizeit viel am Brienzergrat, um dort meine Kenntnisse über das Alpenwild zu verfeinern. Sehr oft fand man mich als Gast im Hotel Rothorn Kulm, wo ich mich mit dem Hotelier angefreundet hatte. Jedes Jahr nahm dieser von seinem Wohnort Zürich aus auch seinen kastrierten Kater mit, den er wegen seiner Vagabundiererei "Streuner" nannte. Kennen lernte ich den Ruhelosen am Abendtisch der Hoteliers, wo auch ich jeweils eingeladen war. Nicht selten sah ich ihn in der Folge auch unterwegs, meistens wenn ich auf dem Gipfel den Sonnenaufgang bewunderte. Dort unterhalb, wo die Steinböcke grasten, war er vielfach auch in deren Nähe, und suchte offenbar nach Mäuselöchern, vor denen er sich dann bewegungslos über Stunden halten konnte. Das heisst so lange, bis ein Bergmäuschen etwas frische Luft schnappen mochte.

Das Hotel, von dem ich hier spreche, ist während einer kurzen Saison nur von Mitte Juni bis Mitte Oktober geöffnet. Während der anderen Zeit verfällt der auf 2300 m gelegene Gastbetrieb in einen tiefern Winterschlaf und wird "dicht" gemacht. Das heisst, alle Fenster und Türen werden mit Brettern vernagelt. Nur im Innern lässt man alles offen, damit die Luft zirkulieren kann und nichts vermodert. Damit das auch richtig geht, sind auf der Nordseite und auf Kellerhöhe einige schneegeschützte Scharten offen. Der Thermostat der Heizung wird auf etwa 5 ° eingestellt, damit der Frost keine Schäden anrichten kann.

Vor einigen Jahren, ich weiss nicht genau wann, zügelte man wieder einmal nach Saisonende mit der Brienz-Rothorn-Bahn zu Tale. Für die Hoteliers diesmal mit schwerem Herzen, denn "Streuner" war seit zwei Tagen unauffindbar, und man glaubte schon, die Adler von der gegenüberliegenden Schrattenfluh hätten ihn erwischt.

Der Winter ging vorüber, der Frühling auch. In der ersten Juniwoche machte sich die Belegschaft, vom Direktor bis zum Küchenburschen, wieder auf zum Horn. An einigen Stellen lag nach dem damals strengen Winter der Schnee noch recht tief, und einige machten sich daran, das nasse Weiss wegzuschaufeln. Andere entfernten die Verriegelung, und der erste, der in den grossen Speisesaal eintrat, machte grosse Augen. Schimpfend miauend sass da tatsächlich auf einem Tisch der totgeglaubte "Streuner". Der eilig herbeigerufene Chef traute seinen Augen nicht, war dann aber bass erstaunt, weil die Katze katzbucklig und fauchend etwas zurückwich. Erst als er anfing, beruhigend mit ihr zu sprechen, erkannte die Verwirrte offenbar seinen früheren Herrn und liess sich in der Folge auch anfassen. Tastende Blicke liessen auch erkennen, dass der Überwintler offenbar gar nicht so sehr gelitten haben muss. Zwar war sein Fell etwas stumpf, aber sonst sah er ganz gut genährt aus.

Etwa 2 Wochen später war ich auch oben. Wie gewohnt sass ich am ersten Tag am Abendtisch meiner Bekannten, als "Streuner" auch erschien, von dessen Schicksal ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts wusste. Aber nicht lange. Fast schwärmerisch orientierte mich der Hotelier über die unglaubliche Überwinterung des Katers in der schneebedeckten Einöde. Auf meine fragenden Blicke eingehend, meinte er, mich nach dem Essen näher zu orientieren, und mir seine Vermutungen direkt an der Stätte des Geschehens zu demonstrieren.

So begaben wir uns anschliessend ins Untergeschoss, wo auch die grosse Küche eingerichtet ist, um schnurstracks zu den bereits erwähnten Scharten zu gelangen. Durch diese muss der Kater nach dem Wegzug der Belegschaft ins Innere des Hotels gelangt sein. Aber zu seinem Glück nicht nur er, sondern Mäuse, die im Winter von aussen her auch an die Wärme kommen. Ausserhalb der Gucklöcher, die ebenerdig sind, gab es viele Pfützen, wo sich Regenwasser sammeln konnte. Und bei Schnee schmolz dieser wegen der abgestrahlten Wärme aus dem Innern des Hotels jeweils genügend, um dem Kater die nötige Flüssigkeit zu garantieren. So muss es wohl gewesen sein!


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