Miggeli und die Ratten

Miggeli war eine vierfarbige Schönheit und lebte auf einem mittleren Bauernhof, wo sie wegen ihren Qualitäten als Mäusefängerin mehr als geschätzt wurde. Neben diesen kleinen Nagern war sie ganz und gar nicht abgeneigt, ihre Angriffslust auch einmal an einer Ratte auszuprobieren. Und gerade solche Mutproben gingen dann manchmal mehr oder weniger in die Hose.

Ich bilde mir heute noch ein, ihr möglicherweise im Pferdestall des genannten Hofes vor vielen Jahren sogar das Leben gerettet zu haben. Im Einverständnis des Bauern durfte ich als Heranwachsender in meiner Freizeit zu den beiden Pferden Käthi und Neppo schauen, immer dann, wenn sie nicht gerade arbeiten mussten. Bald einmal ist mir aufgefallen, dass sich auf dem Hof einige Ratten tummelten. Damals durfte man diese ungeliebten Gesellen nicht unbedingt vergiften, weil es dann die Katzen auch betreffen konnte. (Heue hat man es einfacher mit neuen Methoden. Die Chemie hat Lockfutter mit so viel Blutverdünner bestückt, dass die Anvisierten innerlich verbluten): Ich selber habe damals einige mit einem Flobert erlegt, sehr zur Freude des Bauern und zum Leidwesen der Bäuerin, die meinte, ich solle aufhören, mich ständig mit einem "Gewehr" auf dem Gelände zu bewegen.

Eines Tages fragte ich den Besitzer, wieso die Rösser eigentlich im Stall seien, sie hätten ja offenbar nichts zu tun. Ob es ihm gleich sei, wenn ich die beiden auf die Weide führen und Neppo reiten dürfe.
"Mach nur", meinte er, und so begab ich mich frohgemut zum Stall. Bei meinem Eintreten blieb mir aber dann fast die Spucke weg und ich blieb erschreckt stehen. Auf einem Deckenbalken sass nämlich ein Mordsvieh von einer Ratte, wie ich sie vorher noch nie gesehen hatte. Die war sicher an die 40 cm lang und dachte nicht daran, sich bei meinem Aufkreuzen aus dem Staub zu machen. Mit rot unterlaufenen Augen glotzte sie mich an, und es schien mir, dass sie sogar die spitzen Zähne zeigte. Das Herz fiel mir zwar nicht gerade in die Hose, aber ein ungutes Gefühl hat mich doch beschlichen, und ich sehne mich nach meinem Schiessprügel.

Die Stalltüre hatte ich offen gelassen und gar nicht gemerkt, dass mir Miggeli gefolgt war. Hätte ich besser beobachtet, wäre mir möglicherweise aufgefallen, wie die da oben auf dem Balkon nicht mich, sondern die Katze fixierte. Unschlüssig stand ich da und dachte im Moment nicht daran, die Pferde loszulassen, denn Käthi stand genau unter dem Balken. Aber dann nahm mir die Ratte das weitere Vorgehen ab. Mit erschreckt geöffneten Augen sah ich verwundert, wie die tatsächlich zum Sprung in den Stall ansetzte. Die Vorderbeine hatte die Angriffslustige bereits an der Vorderseite des Balkens herabgleiten lassen, und der Hinterteil des gebogenen Rückens hob sich in die Höhe. Und schon flog sie durch die Luft, zuerst auf Käthis Rücken, und dann dorthin, wo offenbar Miggeli stand, das ich nicht sehen konnte, weil mir Neppo die Sicht verdeckte.

Ein lauthalses Fauchen und Schreien der Katze, aber auch ein giftiges Pfeifen der Angreiferin, liess mich an den Ort des Geschehens spurten. Was sich mir da anbot, glaubt ihr mir nicht. In einem wilden Knäuel balgten sich die beiden, einmal die und einmal die andere oben. Zu meinem Leidwesen musste ich feststellen, dass Miggeli möglicherweise nicht als Siegerin hervorgehen würde, denn das dünnschwänzige Biest hatte sich fest in ihrer Kehle verbissen. Ich selber hatte längst eine Mistgabel ergriffen und stand stechbereit neben den Kämpfenden. Aber das war ganz und gar nicht leicht und die Gefahr zu gross, bei diesem Durcheinander die falsche zu treffen. Offenbar erschöpft legte sich dann die Kätzin der Länge nach hin, die Ratte immer noch an ihrem Kopf verbissen. Aber diese lag nun auch frei, und es gelang mir tatsächlich, sie mit einem Zinggen der Gabel zu durchstechen, was zum sofortigen Tod führte.
Miggeli lag blutüberströmt da und ihr Atem ging sehr heftig. Sorgfältig hob ich sie auf und achtete nicht darauf, dass sich mein Hemd rot färbte. Schnurstracks spurtete ich zum Hauptgebäude, wo ich die Bäuerin in der Küche vorfand. Rasch erklärte ich ihr das Geschehen und bemerkte, ich würde nun mit ihr zum Tierarzt ins Unterdorf gehen. "Du bist wohl von allen guten Geistern verlassen", meinte sie, "ich zahle sicher keine Doktorrechnungen für Katzen!" Das hätte ich mir eigentlich denken können, aber dessen ungeachtet machte ich mich mit der Bedauernswerten auf den Weg. "Die ist sicher in eine Mähmaschine geraten", sagte der Medikus, liess sich aber von mir aufklären. Rasch versorgte er die Wunden und gab noch eine Spritze, weil Ratten auch Aasfresser sind und zu Vergiftungen führen könnten. Miggeli erholte sich in der Folge rasch, und später konnte ich nur noch zwei kleine Löcher im linken Ohr sehen, wie von einem Kondukteur geknipst. Die Rechnung hat mein Vater bezahlt.


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