Tiger und die fliegenden Mäuse

Ihr wisst nicht wo Wynigen ist?. Macht auch nichts. Wichtig ist, dass sich dort ein Kater aufhält, über den es sich lohnt, etwas zu berichten. Er heisst nicht nur Tiger, sondern ist auch einer. Wohnen tut er in einer Dachwohnung, von wo aus es ihm leicht fällt, die umliegenden Dächer zu erkunden.

Es war an einem Frühsommer-Abend, als es ihn wieder einmal durch das offene Fenster auf die Überdachung zog. Tatenhungrig und mit spitzbübischen Gedanken spurte er schnurstracks einem Ort zu, wo er einen Unterstand von Tauben kannte. Er konnte sie dort zwar nicht erreichen, aber aufschrecken und in die kommende Nacht hinausjagen konnte er sie alleweil, sich an den klatschenden Flügelschlägen ergötzend. Nachdem er so seinen Tatendrang etwas gedämpft hatte, stieg er gemütlich und ohne Plan in Richtung First, als er unverhofft zusammenzuckte und sich flach legte. Da war doch tatsächlich ein lautloser Schatten über ihn geflitzt, ohne das vertraute Flattern von Flügeln . Verdutzt glotzte Tiger ins Dunkel und wusste nicht, wie ihm geschah. Noch während er versuchte, sich einen Reim aus dem Ungewohnten zu machen, schwupps, sauste da schon wieder so ein kleines Unding um seine Ohren.

Langsam wurde ihm dieses Katz- und Mausspiel zu bunt und er beschloss, den unbekannten Flugobjekten zu zeigen, wer hier eigentlich der Meister ist. In angespannter Duckstellung wartete er der Dinge, die da kommen sollten. Und diese kamen wirklich, lautlos, immer wieder. Aber oh weh, Tigers Sprünge in die sternenbeleuchtete Nacht gingen immer wieder ins Leere. Die Schatten waren schneller, wendiger. „Das darf doch nicht wahr sein“, sinnierte der fanggewandte Kater und liess nervös den Schwanz peitschen. Dabei wuchs seine Jagdlust immens, und er konnte gar nicht verkraften, immer wieder und bei jedem Angriff erfolglos zu sein.

Aber dann, nach relativ langer Zeit, kam ihm die Jagdgöttin doch noch zu Hilfe. Ein dicker Nachtfalter hat offenbar die fliegende Maus etwas abgelenkt und diese landete tatsächlich in Tigers Krallen, gut einen halben Meter ab Dach. Der selber verblüffte Jäger merkte erstmals, dass die sonst stummen Schatten auch piepsen konnten. Er war nun überzeugt, eine wirkliche Maus gefangen zu haben, aber da waren auch noch im Verhältnis zum Körper grosse Flügel, die ihm ganz und gar unbekannt vorkamen. Das war ihm aber gleich und er beeilte sich zum Wohnungsfenster, um Frauchen und anderen zu zeigen, was für ein Bombensiech er sei. Immer noch der Meinung, ein Nager in den Fängen zu halten, liess er das Opfer nach Katzenart am Boden los. Dabei vergass er ganz und gar, dass sein Opfer ja auch noch fliegen konnte. Und dieses nutzte die Gelegenheit und hing schon bald oben an einem Vorhang. Wenn das Zimmer vielleicht nicht hell beleuchtet gewesen wäre, hätte die Flugmaus sogar das offene Fenster zur Flucht benutzt.

„Jesses, das ist ja eine Fledermaus!“ tönte es entsetzt aus dem Munde der eben dahergeeilten Katzenmutter. Der beste Weg wäre wohl gewesen, das Licht bei offenem Zimmerfenster abzudrehen, aber lassen wir das. Mit vereinten Kräften gelang es später, das fliegende Mäuschen einzufangen und in die Freiheit zu entlassen.

Aber damit war die Geschichte noch lange nicht zu Ende. Tiger hatte nun etwas entdeckt, das ihm keine Ruhe mehr liess. Nacht für Nacht ging er auf Fledermaus-Pirsch, und erwischte dabei in der Dämmerung einmal sogar eine Taube, deren Federn dann in der ganzen Wohnung gesammelt werden mussten. Wie viele Flugmäuse er noch fing, ist nicht bekannt. Er brachte keine mehr nach Hause, weil man beim erstmaligen Ereignis mit ihm geschimpft hatte. Dabei ist er so stolz gewesen. Aber irgendwie muss er es auf den Dächern weiterhin bunt getrieben haben. So bunt und um sich schlagend, dass er einmal gar vom Dach fiel, gute zehn oder mehr Meter. Aber ausser einem leichten Humpeln war ihm dabei nichts anzusehen. Und die Jägerei liess jeweils erst etwas nach, wenn sich die Fledermäuse in ihr Winterquartier in südlicher Richtung davon gemacht hatten.

Bei den geschilderten Flugobjekten handelt es sich um Fledermäuse der Art „Grosses Mausohr“. Diese Flieger der Nacht sind relativ gross und ernähren sich hauptsächlich von Nachtschmetterlingen. Früher überall häufig, gehören sie leider heute eher zu den seltenen Sommergästen. Ihre Bestände gehen vor allem durch den Einsatz von Pflanzen- und Insektenschutzmitteln sehr stark zurück. In Wynigen hausen die pussigen Tierchen hauptsächlich im Estrich der Drogerie.


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