S'"Chätzli" vom Linienbus

Ich weiss noch genau, es war an einem Samstag und ich genoss meinen freien Tag mit einem Spaziergang durch den Schosshaldenwald zwischen Bern und Ostermundigen. Am Ende des Bummels gelangte ich in die Gegend Dennigkofen, wo ich den dort wartenden Bus bestieg, um mich auf den Rückweg zu begeben.

Bei der ersten Haltestelle, dem Tiefenmösli, hielt der Bus an, obschon ich weit und breit keine Person sah, die einsteigen wollte, und zum Aussteigen machte sich auch niemand bereit. Dann ging die Türe auf, und da spazierte tatsächlich eine Katze herein. An den erheiterten Mienen der Mitfahrer konnte ich erkennen, dass der neue Gast bekannt und willkommen war. Die Dame neben mir sah mein fragendes Gesicht und erklärte unaufgefordert: „Die steigt hier fast jeden Tag zu einer Rundfahrt ein. Die Eingeweihten nennen sie einfach s’Chätzli. Wie sie wirklich heisst und wem sie gehört, weiss eigentlich niemand.“. Noch während meine Sitznachbarin das erklärte, ist die Vierbeinerein ganz nach hinten zur letzten Sitzreihe getrappelt, hat sich dort genüsslich niedergetan, die Anwesenden dabei neugierig musternd, und hie und da einen Blick aus dem Fenster werfend, um zu erkennen, wo man sich gerade befand.

An der Haltestelle Zollgasse musste ich leider umsteigen, und hatte keine Möglichkeit mehr, mich nach diesem Verhalten näher zu erkundigen. Aber das Gesehene ging mir deswegen noch lange nicht aus dem Sinn. Für mich war sofort klar, mich bald einmal mit dem Verhalten dieser Katze zu befassen.

Gedacht getan. Bei nächster Gelegenheit bemühte ich mich an den Informationsschalter der Verkehrsbetriebe und gab meine Neugierde kund. „Aha, üse Sunneschyn, s’Chätzli vo Oschtermundige, meinet dir!“. Der strahlender Gesichtsausdruck des Diensthabenden orientierte mich, dass die Anwesenheit des Büsis bis zur hohen Direktion gelangt war. Der Beamte erklärte mir anschliessend noch, dieser Vierbeiner sei übrigens der einzige Schwarzfahrer, der auf ihrem Netz geduldet werde. Als ich noch erklärte, ich möchte diese Katze näher unter die Lupe nehmen, gab mir der Beamte sogar fünf Tageskarten gratis und franko.

Während zwei Vormittagen an den nächstens Samstagen trat ich mir die Beine im Tiefenmösli vergebens in den Bauch. Aber dann, am dritten, sah ich sie zwischen den Stangen eines Eisenhages auf der anderen Strassenseite durchschleichen. Schnell sichern, und schon sauste sie im Galopp zu uns Wartenden hinüber, setzte sich und benahm sich wie die andern Buskunden. Warten und Ausschau halten nach dem Vehikel. Als dieses da war, öffneten sich alle Türen, ohne dass jemand einen Knopf gedrückt hätte. Der Chauffeur hatte offenbar die Katze gesehen und entsprechend gehandelt. Diese ist dann auch sofort eingestiegen, ohne jemanden den Vortritt zu lassen. Wie sie begab ich mich auch nach hinten und setzte mich nicht weit von ihr nieder. In bereits bekannter Manier beaugapfelte die Busfahrerin abwechslungsweise Passagiere und Gegend. Kurz vor der Endstation erhob sie sich und wartete an der Tür, bis sie aufging. Gewundrig schaute ich ihr nach und gewahrte, dass sie sich auf ein naheliegendes Feld begab und sich dort im Gras niederliess.

Der Bus hielt dort bei der Umkehr ungefähr 10 Minuten. Zeit genug, um mich mit dem Wagenlenker näher über den seltsamen Gast zu unterhalten. Dieser erklärte mir, entweder komme sie jetzt dann gleich zurück, oder warte auf eine nächste Fahrgelegenheit. Er meinte noch, die Pelzige bringe ihm, seinen Kollegen und den Fahrgästen viel Freude. So verflog die Zeit und der Bus musste abfahren, ohne dass s’ *Chätzli“ Anstalten machte, auch mitzukommen. Also stieg ich aus und wartete auf die nächste Fahrgelegenheit, die sie dann auch benutzte. Bei der Rückfahrt sind wir beide dann im Tiefenmösli ausgestiegen, wo sie sofort hinter den Gitterstäben verschwand. Dort habe ich sie zum letzten Mal gesehen.

Dann kam wenig später, wie man in der „Berner Zeitung“ lesen konnte, das Unglück übers „Chätzli“.

Gerade als sie die Strasse überqueren wollte, um zum bereits ankommenden Bus zu gelangen, war sie offenbar etwas unvorsichtig, wurde leider von einem Auto erfasst und auf der Stelle getötet.

Wie man ebenfalls aus der Zeitung vernehmen konnte, hat der Autofahrer nicht einmal angehalten.


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