Bauernkatze mit Tauchbrevet

An der Grenze vom Oberaargau zum Emmental, besser gesagt zwischen Wynigen und Burgdorf, entspringt aus einem kleinen Seitental, dem "Chänerech", der Chänerech-Bach, der später in die Oesch und Aare fliesst. Der mit sauberem Quellwasser gespiesene Bach ist mit vielen Regenbogenforellen bestückt und seit Jahrzehnten verpachtet. Wir als damals Halbwüchsige wussten das natürlich auch, und meine Mutter hat mich öfters fragend angeschaut, wenn ich wieder einmal frischen Fisch heimbrachte. Sie ahnte wohl etwas, aber ich wich ihr weiss Gott mit was für Ausreden aus.

Aber da war noch ein Fischereiaufseher, der Moser aus Wynigen, von uns Buben wegen seiner Ungehobeltheit gefürchtet. Erwischt hat er uns aber nie.

Eines Tages war ich allein im "Chänerech", als ich ihn kommen sah. Scheinheilig pflückte ich Blumen und tat so, als ob ich keinem Fischlein etwas zu Leide tun könnte. Irgendwie war der Aufseher in guter Laune und fing sogar an, mit mir zu sprechen. "Hast du die Katze dort gesehen?" meinte er. "Das Biest ist nur zum Fischen da". Zu meinem Erstaunen sagte er auch, er habe eine gewisse Hochachtung vor dieser Räuberin, denn diese tauche regelrecht nach der Beute. Ungläubig sah ich den Erzähler an, denn ich wusste von meinen und anderen Katzen, dass sie in Nachbars Weiher auch versuchten, an Fische zu kommen. Am Rand warteten sie, bis einer an die Oberfläche kam, und machten sich bei einem Fangversuch höchstens ein Pfötchen nass. Aber tauchen? Nie gehört und nie gesehen!

Tierbeobachtungen waren mir schon damals im Blut, und so war es nicht verwunderlich, dass ich beschloss, bei nächster Gelegenheit diesem unglaublichen Tun auf die Spur zu kommen. Vom Vater entlieh ich mir einen Feldstecher und murmelte etwas von Vögeln beobachten. Vom Bach sprach ich nicht, denn der war zu dieser Zeit von seinem Freund, dem Notar, gepachtet.

Schon beim Anmarsch fragte ich mich, wo die Urheberin meines Interesses wohl herkomme. Der nächste Bauernhof war ziemlich weit entfernt, oben im Kaltacker oder unten in Bickigen. Das war aber Nebensache und auch nicht mein Problem. Ich wollte sie einfach tauchen sehen, früher oder später.

Schon am ersten Tag war das Glück auf meiner Seite, denn sie war bei meinem Eintreffen da. Das heisst, etwas weiter unten und mitten im Bach auch einem grossen Stein sitzend. Mit dem Fernglas musterte ich sie erstmals und stellte fest, dass sie nicht gerade eine Schönheit war. Ein fahles Grau überzog ihr Fell und nur ein kleiner weisser Fleck auf Brusthöhe stach etwas hervor. Zu ihrem Vorteil machte sie das auf dem gleichfarbigen Stein fast unsichtbar. Der Bach war dort ungefähr 70 cm tief und 2-3 Meter breit.

Unbeweglich sass sie nun dort und starrte gebannt in das fliessende Nass, und nur die leicht wedelnde Schwanzspitze verriet ihre Anspannung. Dann geschah das Wunder wirklich! Wie wir Menschen vom Sprungbrett tauchte sie wahrhaftig ab, den Kopf schön zwischen den Vorderpfoten haltend. Es vergingen kaum 5 Sekunden, bis sie zwischen dem Stein und dem gegenüberliegenden Ufer wieder auftauchte, mit einer halbwüchsigen und zappelnden Forelle im Fang. Wahrlich, ein Fischotter hätte es nicht besser machen können! Elegant schwamm sie zum Bord, kletterte hoch und verschwand im naheliegenden Unterholz.

Weil meine Neugierde nun einmal geweckt war, wollte ich unbedingt herausfinden, wo dieses "Naturwunder" herkam. So in Gedanken versunken schlenderte ich den Bach hinunter bis nach Bickigen, wo ich den gleichaltrigen Bauernsohn Fritz Oppliger traf. "Ja, ja, die kennen wir. Sie gehört dem Landwirt im Kaltacker", meinte er. "Ein Gaudi in der ganzen Gegend".

Auf dem Heimweg änderte ich die Meinung dem Moser gegenüber, denn der wäre als Jäger und Fischereiaufseher durchaus berechtigt gewesen, den Gräuling abzuschiessen.


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