Die Katze, die mit dem Vieh z'Alp ging

Es war zu einer Zeit, als ich mich an vielen freien Tagen am Brienzergrat aufhielt. In der Regel, um den dortigen Steinböcken meine Aufwartung zu machen. So war es auch nicht verwunderlich, dass ich die Menschen der im Sommer bestossenen Alpen kennen lernte, und bei manch fröhlichem Umtrunk gar viele Geschichten vernahm.

Eine habe ich besonders in meinem Gehirn gespeichert, und möchte sie nun weitererzählen. Es war an einem schönen Sommerabend, als ich vom Salibühl her auf der Rotschalp ankam. Das Vieh war bereits versorgt und weidete nun in der schönen Alpmulde der Nacht entgegen. Der Besitzer der Alp, sagen wir ihm einfach Hans, war bei meinem Eintreffen selbst anwesend, und machte sich auf dem Bänklein vor der Sennhütte bequem. Wir kannten uns seit langem, und deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass wir uns freundlich begrüssten und ich mich zu ihm setzte.

Der Zufall wollte es, dass sich zu gleicher Zeit eine schwarz-weisse Katze zu uns gesellte. Ich weiss nicht einmal mehr, ob es sich um einen Kater oder um eine Kätzin handelte. Ist ja auch gleich. Hansens Bemerkung machte mich aber etwas stutzig, denn er meinte: "Die ist nun auch schon seit drei Wochen da, heraufgekommen von Brienz!" "Wieso seit drei Wochen?" meinte ich, "du bist doch mit deinem Vieh schon einen Monat hier oben?". In der Folge erzählt mir Hans eine fast unglaubliche Geschichte:

Vor fünf oder sechs Jahren habe er diese Katze einmal als Jungtier in einem Korb mit hinauf auf die Rotschalp genommen. Dies in der Hoffnung, sie lerne das Mäusefangen, und würde sich auch so über ihre "Ferien" freuen. In den nächsten, kurzen Alpmonaten sei sie recht berggängig geworden, und konnte es jeweils fast nicht erwarten, beim oder nach dem Melken von der kuhwarmen Milch den gewohnten Obolus zu erhalten.

Beim herbstlichen Abtrieb des Viehs habe er zuerst gar nicht an das Büssi gedacht. Schon unten auf der Planalp kam ihm dann aber das Versäumnis in den Sinn, und er fragte sich, ob er jemanden zurückschicken sollte. Dann gewahrten die Viehtreiber jedoch hochblickend erleichtert, dass sich die Vergessene weit oben den steilen Bergweg hinunter bemühte, und ihnen tatsächlich nachlief. Und weil sich die Herde inzwischen weiter bergab begeben hatte, folgte man ihr, in der Hoffnung, der kleine Nachzügler würde ihren Spuren auch folgen können.

Unten in Brienz angelangt verging ein weiterer Tag, ohne dass die Katze auftauchte, und man machte sich Sorgen. Aber am darauffolgenden Tag war sie plötzlich da, im Kuhstall, wo sie geboren wurde. Dort konnte man sie in der Folge immer wieder antreffen, das war ihr Zuhause.

Im Juni des folgenden Jahres trieb man das Vieh wieder hoch auf die Rotschalp. Offenbar dachte für diesmal niemand an die letztjährige "Alpgängerin". Aber dann, man höre und staune, war sie eines Morgens oben. Ungerufen und ganz allein hat sie den Weg gefunden, den sie im vorangegangenen Jahr kennengelernt hatte. Offenbar weil der Kuhstall unten im Tal leer war, hat es ihr gestunken und sie ist ihren "Freunden" nachgestiegen, ihrem inneren Instinkt folgend. Die gut zwölfhundert Meter Höhenunterschied schienen ihr nichts ausgemacht zu haben.

Die gleiche Auf- und Abfahrt hat sich Jahr für Jahr wiederholt. Niemand machte sich jeweils weitere Gedanken. Eines Tages, selten mehr als nach einer Woche, ist sie jeweils aufgetaucht. Immer dort, wo sich die Herde gerade aufhielt.

Den Brienzer Bauer habe ich Jahre später in Bern getroffen, und nach der betreffenden Katze gefragt. Dabei ist mir aufgefallen, wie liebevoll er von dieser Kreatur erzählte und erwähnte, sie sei eines Tages mit zwölf Jahren unauffindbar gewesen, offenbar irgendwo unterwegs gestorben.

Unverhofft kam mir ein Gespräch mit einem Hochwildjäger aus dieser Gegend in den Sinn, der mir einmal erklärte: "Ich schiesse auf jede Katze!". Päng.


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